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<title>Geodeterminismus</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Geodeterminismus</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p><b>Geodeterminismus</b> (auch <i>Naturdeterminismus</i>, <i>Umweltdeterminismus</i> oder <i>Ökodeterminismus</i>) ist ein Forschungsansatz der Wirtschaftsraumanalyse, der besagt, dass die unterschiedliche Wirtschaftsentwicklung in verschiedenen Teilen der Welt in erster Linie durch die natürliche Ausstattung bestimmt ist.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Überblick"><span id=".C3.9Cberblick"></span>Überblick</h2></div>
<p>Der Geodeterminismus war die dominierende theoretische Denkrichtung der <a href="Geographie" title="Geographie">Geographie</a>, besonders der <a href="Humangeographie" title="Humangeographie">Humangeographie</a>, des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und war in Deutschland besonders stark vertreten. Der theoretische Gegenentwurf zu diesem Denkbild ist der <a href="Possibilismus_(Humangeographie)" title="Possibilismus (Humangeographie)">Geopossibilismus</a>, der seine Vertreter hauptsächlich in Frankreich hatte (z. B. <a href="Paul_Vidal_de_la_Blache" title="Paul Vidal de la Blache">Paul Vidal de la Blache</a>). Die bloße Beschreibung der Tatsache, dass Menschen und Gesellschaften sich an ihre natürliche Umwelt anpassen, sie sich zu Nutze machen und von bestimmten natürlichen Ressourcen (z. B. Boden, Wasser) abhängen, ist allein noch nicht als geodeterministische Denkweise zu bezeichnen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Grundprinzipien">Grundprinzipien</h2></div>
<p>Der Geodeterminismus geht von einer organischen Verbindung von Raum und Mensch aus. Das heißt, dass der absolute Raum „an sich“ (<a href="Naturwissenschaftlicher_Materialismus_ab_1850" title="Naturwissenschaftlicher Materialismus ab 1850">Vulgärmaterialismus</a>) eine eigenständige Wirkmächtigkeit auf den Menschen hat und somit sein Handeln nicht nur beeinflusst, sondern die Kultur und Gesellschaft bestimmt.
</p><p><a href="Benno_Werlen" title="Benno Werlen">Benno Werlen</a> präzisiert dies so: „Gemäß der Grundthesen des Geodeterminismus sind alle menschlichen Kulturen und Gesellschaften als Ausdrucksformen natürlicher Bedingungen anzusehen und ursächlich auf diese zurückzuführen.“<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die Raumkonzeption des Geodeterminismus gaukelt eine organische Einheit zwischen Mensch und Raum vor, was auch im Nationalsozialismus eine Rolle spielte.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Autoren wie Ratzel und die Gebrüder Haushofer spielten hier eine wichtige Rolle und begründeten eine umstrittene <a href="Politische_Geographie" title="Politische Geographie">Politische Geographie</a>, die weltweit rezipiert wurde und in den angelsächsischen Ländern auch kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Neue Ansätze hierzu sind in Deutschland erst seit kurzem wieder im Entstehen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Geodeterminismus_in_der_Entwicklungsländerforschung"><span id="Geodeterminismus_in_der_Entwicklungsl.C3.A4nderforschung"></span>Geodeterminismus in der Entwicklungsländerforschung</h2></div>
<p>Geodeterministische Ansätze führen Armut und <a href="Welthunger" title="Welthunger">Hunger</a> in Afrika, Asien und Lateinamerika (vorwiegend) auf ungünstige natürliche Verhältnisse zurück, beispielsweise auf Mangel an bebaubarem Land und sauberem Wasser (verbunden mit <a href="%C3%9Cberbev%C3%B6lkerung" title="Überbevölkerung">Überbevölkerung</a>), ungünstige <a href="Klima" title="Klima">klimatische</a> Bedingungen (die zu <a href="D%C3%BCrre" title="Dürre">Dürre</a> oder Überschwemmungen führen können), <a href="Desertifikation" title="Desertifikation">Desertifikation</a>, die Verbreitung von <a href="Tropenkrankheit" title="Tropenkrankheit">Tropenkrankheiten</a>, das Nichtvorhandensein von <a href="Bodensch%C3%A4tze" class="mw-redirect" title="Bodenschätze">Bodenschätzen</a> oder die Isolierung durch <a href="Binnenstaat" title="Binnenstaat">Binnenlage</a>. <a href="Jared_Diamond" title="Jared Diamond">Jared Diamond</a> nennt in seinem Buch „<a href="Arm_und_Reich_(Diamond)" title="Arm und Reich (Diamond)">Arm und Reich</a>“ (im Original „Guns, Germs and Steel“) die Verfügbarkeit von für die Landwirtschaft und Nutztierhaltung geeigneten Pflanzen und Tierarten, den durch das Mittelmeer und die Landbrücke nach Asien möglichen Handel und Austausch sowie die Anpassung an die mit der Nutztierhaltung verbundenen Krankheitserreger als Grundlage der europäischen Wirtschaftsentwicklung.
</p><p>Ausdruck des Geodeterminismus sind die Begriffe <i><a href="Entwicklungsl%C3%A4nder_ohne_Meereszugang" title="Entwicklungsländer ohne Meereszugang">Entwicklungsländer ohne Meereszugang</a></i> (31 arme, abseits der Meere gelegene Länder) und <i><a href="Vierte_Welt" title="Vierte Welt">Vierte Welt</a></i> (rohstoffarme, ärmste Länder der Welt). Weniger verbreitet ist die ebenfalls geodeterministische Bezeichnung <i>Fünfte Welt</i>, welche innerhalb der „ärmsten Länder“ der Vierten Welt jene ohne Bodenschätze und ohne Zugang zum Meer benennt.
</p><p>Als typisches Beispiel für Armut aufgrund ungünstiger natürlicher Ursachen werden die Länder der <a href="Sahelzone" title="Sahelzone">Sahelzone</a> genannt. Diese sind allesamt von Desertifikation und natürlichen <a href="Klimaver%C3%A4nderung" class="mw-redirect" title="Klimaveränderung">Klimaschwankungen</a> betroffen, verfügen über wenig Bodenschätze und sind größtenteils Binnenländer. Demgegenüber stellt <a href="Axelle_Kabou" title="Axelle Kabou">Axelle Kabou</a> das Unvermögen der Afrikaner zu langfristiger Wirtschaftsplanung, geprägt durch den jahrhundertelangen Sklavenhandel, gegenüber.
</p><p><a href="Max_Weber" title="Max Weber">Max Weber</a> betonte hingegen die Rolle der Religion, insbesondere des <a href="Protestantismus" title="Protestantismus">Protestantismus</a> bei der Wirtschaftsentwicklung auch in klimatisch ungünstigen Regionen, etwa in Skandinavien.
</p><p>Der Kanadier <a href="John_Kenneth_Galbraith" title="John Kenneth Galbraith">John Kenneth Galbraith</a> betont die Rolle und hohe Motivation von Flüchtlingen, und des Bildungsstandes als Grundlage des deutschen Wiederaufbaus und der Überwindung der ungeheuren Kriegszerstörungen nach 1945 und vergleicht diese Situation (durchaus positiv) etwa mit den <a href="Sikhismus" title="Sikhismus">Sikhs</a> im indischen Punjab und der Rolle der <a href="Auslandschinesen" title="Auslandschinesen">Auslandschinesen</a>.
</p><p><i>Siehe auch: <a href="Wirtschaft_Afrikas#Ursachen_der_wirtschaftlichen_Unterentwicklung" title="Wirtschaft Afrikas">Ursachen der wirtschaftlichen Unterentwicklung Afrikas</a></i>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Kritik_in_der_Entwicklungsländerforschung"><span id="Kritik_in_der_Entwicklungsl.C3.A4nderforschung"></span>Kritik in der Entwicklungsländerforschung</h2></div>
<p>Hierbei soll aufgezeigt werden, dass meist verschiedene – sowohl natürliche als auch menschengemachte – Faktoren für Hunger und Armut verantwortlich sind. So werden die Auswirkungen schwankender Niederschläge oft durch <a href="Entwaldung" title="Entwaldung">Entwaldung</a> und <a href="%C3%9Cbernutzung" title="Übernutzung">Übernutzung</a> der Böden verschärft. Landmangel kommt in vielen Entwicklungsländern auch daher, dass die fruchtbarsten Böden von <a href="Gro%C3%9Fgrundbesitzer" title="Großgrundbesitzer">Großgrundbesitzern</a> für den Anbau von Exportprodukten (<i>export-oriented <a href="Cash_crops" class="mw-redirect" title="Cash crops">cash crops</a></i>) genutzt werden, während für die <a href="Kleinbauer" title="Kleinbauer">kleinbäuerliche</a> Produktion von (Grund-)Nahrungsmitteln (<i>food crops</i>) nur Land von mangelhafter Qualität übrig bleibt.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Auch <a href="Korruption" title="Korruption">Korruption</a>, ungenügende Verwaltungsstrukturen und demokratische Mitbestimmung, mangelnde Bildung und religiös-kulturell bedingte Defizite werden als interne Erklärungsmuster herangezogen, die <a href="Terms_of_Trade" title="Terms of Trade">Terms of Trade</a>, kriegerische Auseinandersetzungen und internationale Vorgaben als externe Ursachen.
</p><p>Länder, die trotz nachteiliger natürlicher Bedingungen wirtschaftlich erfolgreich sind, so etwa die <a href="Schweiz" title="Schweiz">Schweiz</a> ein gebirgiges Binnenland ohne nennenswerte Bodenschätze und auch der Erfolg von <a href="Singapur" title="Singapur">Singapur</a>, <a href="Israel" title="Israel">Israel</a> und Teilstaaten der USA wie <a href="Utah" title="Utah">Utah</a> und <a href="Arizona" title="Arizona">Arizona</a> widersprechen einer platten geodeterministischen Sichtweise.
</p><p>Im Gegenzug gibt es sehr rohstoffreiche Länder wie die <a href="Demokratische_Republik_Kongo" title="Demokratische Republik Kongo">Demokratische Republik Kongo</a>, <a href="Angola" title="Angola">Angola</a> oder den <a href="Sudan" title="Sudan">Sudan</a>, die zu den ärmsten Ländern zählen. In diesem Zusammenhang ist gar von einem sogenannten „<a href="Ressourcenfluch" title="Ressourcenfluch">Ressourcenfluch</a>“ die Rede, wenn das Vorhandensein von natürlichen Ressourcen wie <a href="Erd%C3%B6l" title="Erdöl">Erdöl</a> oder <a href="Diamant" title="Diamant">Diamanten</a> und unzureichende <a href="Gute_Regierungsf%C3%BChrung" title="Gute Regierungsführung">Good Governance</a> zusammentreffen bzw. die allgemeine Wirtschaftsentwicklung eher hemmt als fördert. Als Gegenbeispiel wird die Grenze zwischen Norwegen und Russland angeführt, die das weltweit höchste Wohlstandsgefälle und große umstrittene maritime Rohstoffvorkommen aufweist, ohne als Krisengebiet zu gelten.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Vertreter_der_geodeterministischen_Geographie">Vertreter der geodeterministischen Geographie</h2></div>
<ul><li><a href="Carl_Ritter" title="Carl Ritter">Carl Ritter</a> (1779–1859)</li>
<li><a href="Ferdinand_von_Richthofen" title="Ferdinand von Richthofen">Ferdinand von Richthofen</a> (1833–1905)</li>
<li><a href="Friedrich_Ratzel" title="Friedrich Ratzel">Friedrich Ratzel</a> (1844–1904)</li>
<li><a href="Ellsworth_Huntington" title="Ellsworth Huntington">Ellsworth Huntington</a> (1876–1947)</li>
<li><a href="Karl_Haushofer" title="Karl Haushofer">Karl Haushofer</a> (1869–1946)</li>
<li><a href="Jared_Diamond" title="Jared Diamond">Jared Diamond</a></li>
<li><a href="Thomas_Griffith_Taylor" title="Thomas Griffith Taylor">Thomas Griffith Taylor</a> (1880–1963)</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Siehe_auch">Siehe auch</h2></div>
<ul><li><a href="Biologismus" title="Biologismus">Biologismus</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li><a href="Jared_Diamond" title="Jared Diamond">Jared Diamond</a>: <i>Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften</i>. Fischer, Frankfurt 2006, ISBN 3-596-17214-4.</li>
<li><a href="Hans-Dietrich_Schultz" title="Hans-Dietrich Schultz">Hans-Dietrich Schultz</a>: <i>Raumkonstrukte der klassischen deutschsprachigen Geographie des 19./20. Jahrhunderts im Kontext ihrer Zeit. Ein Überblick.</i> In: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), H. 2, 343–374 <a rel="nofollow" class="external autonumber" href="https://www.jstor.org/stable/40186200/(online)">[1]</a></li>
<li>Hans-Dietrich Schultz: <i>Zwischen fordernder Natur und freiem Willen: das Politische an der „klassischen“ deutschen Geographie.</i> In: Erdkunde 59 (2005), 1–21 <a rel="nofollow" class="external autonumber" href="https://www.erdkunde.uni-bonn.de/archive/2005/zwischen-fordernder-natur-und-freiem-willen-das-politische-an-der-klassischen-deutschen-geographie/(online)">[2]</a></li>
<li>Hans-Dietrich Schultz: <i>Der Realraum als Problem. Eine Lektion aus der Disziplingeschichte</i> (Kleine Reihe Geographie). Frankfurt am Main 2018.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Quellen">Quellen</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/geodeterminismus-32731/version-164235">online</a></span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">Benno Werlen: <i>Sozialgeographie.</i> Bern/Stuttgart/Wien 2004, ISBN 3-258-05300-6, Seite 383.</span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Bernd_Belina" title="Bernd Belina">Bernd Belina</a>: <i>Kriminelle Räume: Funktion und Legitimierung von Betretungsverboten.</i> (= Urbs et regio 71). Kassel 2000, ISBN 3-89792-018-2, Seite 44–50.</span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text"><span class="cite">Tobias Schwab: <a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.fr.de/wirtschaft/landraub-aermsten-laendern-afrikas-11321154.html"><i>Landraub in den ärmsten Ländern Afrikas.</i></a> Landgrabbing. <a href="Frankfurter_Rundschau" title="Frankfurter Rundschau">Frankfurter Rundschau</a>, 27. April 2012,<span class="Abrufdatum"> abgerufen am 15. September 2016</span>.</span><span style="display: none;" class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Adc&rfr_id=info%3Asid%2Fde.wikipedia.org%3AGeodeterminismus&rft.title=Landraub+in+den+%C3%A4rmsten+L%C3%A4ndern+Afrikas&rft.description=Landraub+in+den+%C3%A4rmsten+L%C3%A4ndern+Afrikas&rft.identifier=https%3A%2F%2Fwww.fr.de%2Fwirtschaft%2Flandraub-aermsten-laendern-afrikas-11321154.html&rft.creator=Tobias+Schwab&rft.publisher=%5B%5BFrankfurter+Rundschau%5D%5D&rft.date=2012-04-27"> </span></span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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